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Was ist im Zusammenhang mit Musikproduktionen ein "Bus"?

Die meisten hören im Zusammenhang mit Musikproduktionen den Begriff "Bus" zum ersten Mal auf eine Weise, dass sie ihn gar nicht verstehen sollen, denn er zählt sicherlich zu den Imponiervokabeln, mit denen selbsternannte "Spezialisten" Anfänger gerne ein wenig in die Irre führen. Tatsächlich spielt er beim Aufnehmen und auch bei einfachen Abmischungen ("Rough Mixes") zunächst keine allzu große Rolle und es gibt Heimstudio-Setups, in denen man mit "Bussen" arbeitet, ohne es überhaupt zu wissen... Aktiv und kompetent eingesetzt bieten Busse bei komplexen Produktionen die Möglichkeit zu eleganten und Arbeitsspeicher-sparenden Bearbeitungen.

Ein Vergleich aus dem Straßenverkehr

Alle Vergleiche hinken ein bisschen, aber das Bild eines Busses im Straßenverkehr kann den Begriff in Grundzügen veranschaulichen. In einer Großstadt mit besonders gekennzeichneten Busspuren sind diese in der Lage, den allgemeinen Verkehr dadurch zu entlasten, dass Linienbusse, indem sie gewissermaßen ihre eigenen Straßen nutzen, ein Stückweit aus dem übrigen Verkehrsgeschehen herausgenommen werden. Ganz ähnlich verhält es sich bei den Tonspuren einer großen Musikproduktion mit vielen Einzelspuren, die mit vielen Effekten bearbeitet werden. Hier dienen Busse und die mit ihnen verknüpften Hilfsspuren dazu, dass die Produktion insgesamt dadurch entlastet wird, dass bestimmte Arbeitsvorgänge nicht im "allgemeinen Verkehr", sondern mittels eigener Busspuren erledigt werden.

Wie funktioniert das?

Eine physikalische Spur, also ein aufgenommener Audio-Track, sendet ihren musikalischen Inhalt an eine andere Spur, ohne sie ein zweites Mal speicherplatzfressend auf der Festplatte abzulegen. Oben wurde bereits der Begriff Hilfsspur benutzt, der im Englischen "Auxiliary Track" oder kurz "Aux" heißt. Mittels "Aux send" werden die musikalischen Inhalte über einen zuordenbaren Bus an eine neu anzulegende Spur geschickt, die entsprechend "Aux return" heißt. Technisch wird das in jedem Musikbearbeitungsprogramm ein wenig anders umgesetzt, aber das Prinzip ist immer das gleiche: Der Audio-Output einer physikalischen Spur wird mittels einer Send-Funktion an einen Bus geschickt und dort mittels der Return-Funktion wieder abgeholt. Die Return-Spur ist auf dem virtuellen Mischpult wie eine ganz normale Spur angezeigt, kann lauter und leiser gemacht oder stumm geschaltet werden und sie kann eigene Effekte enthalten.

Wozu das ganze?

Busse, Aux- und Return-Spuren sind keine Erfindung des digitalen Zeitalters. Es gab sie bereits in den Zeiten von analogen Mischpulten, Tonbändern und externen Effektgeräten. Dort dienten sie dem Einsparen physikalischer und auf teure 2-Zoll-Tonbänder aufzunehmender Spuren und ermöglichten den mehrfachen Einsatz eines einzigen Effektgeräts auf mehreren Einzelspuren. Mittels unterschiedlicher Einstellungen der jeweiligen Aux- und Return-Spuren konnte beispielsweise ein einziges Hallgerät verschiedene Audiospuren mit unterschiedlich starkem Hall versorgen. Aber auch bei der Musikbearbeitung mit Computern spielen der Speicherplatz und die Rechner-internen Bearbeitungszeiten eine Rolle. Der Einsatz von Bussen gestattet die Bearbeitung von mehr physikalischen Audiospuren und rechenintensiven Effekten ohne hörbare Verzögerungen im Ergebnis.

Hauptsächlicher Einsatz

Eine der Verwendungen von Bussen, von denen man häufig gar nicht weiß, dass man sie benutzt, ist der sogenannte "Mix-Bus". Hier werden alle Spuren als ein Stereo-Spur-Paar zusammengefasst, ohne dass eine physikalische Spur erzeugt wird. Ein weiterer wichtiger Einsatzbereich ist die parallele Kompression, bei der einer unbearbeiteten Spur eine hochkomprimierte Version ihrer selbst dosiert zugemischt wird, um sie im Mix durchsetzungsfähiger zu machen. Hier gibt es mehrere Varianten der Bearbeitung, aber die mittels Bussen gilt als die eleganteste. Das Haupteinsatzgebiet sind besonders rechenintensive Effekte wie zum Beispiel Hall. Allein auf die acht Einzelspuren eines professionell aufgenommenen Schlagzeugs jeweils einen eigenen Halleffekt zu setzten, könnte die Rechenleistung vieler Musikbearbeitungsprogramme an ihre Grenzen bringen.

Kreativer Einsatz

Neben der Bearbeitungsökonomie bei großen und komplexen Musikproduktionen bieten Busse aber auch viele Möglichkeiten zur kreativen Verwendung. Dies gilt ebenso für den subtilen Einsatz als solcher unhörbarer Effekte (es würde nur auffallen, wenn sie fehlen) bis hin zu spektakulären und sich verändernden Effekten wie ein verhalltes Echo, das zum Beispiel nur am Ende eines Refrains kurz anschwillt. Die Einsatzmöglichkeiten sind höchst vielfältig und bei professionellen Produktionen ist es nicht selten, dass die Anzahl der Busse und mit ihnen verbunden Aux/Return-Spuren die Anzahl der physikalisch aufgenommenen Spuren weit übersteigt.

Frank Gingeleit

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