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Kann man im Heimstudio professionelle Musik produzieren?

Die Antwort ist ein klares "Ja, aber"...

Ja, man kann, denn insbesondere bei elektronischen Aufnahmen und dem sogenannten "Silent Recording" von Instrumenten, wenn über einen Tonabnehmer direkt in ein Mischpult oder auf einen Computer aufgenommen wird, ist es völlig egal, ob das Aufnahmeequipment in einem Privatzimmer oder in einem "richtigen" Studio steht. In dem Moment, wo keine Schwingungen über die Luft aufgenommen werden, spielt bei der Aufnahme die Raumakustik eine eher untergeordnete Rolle. Insbesondere bei Dance, House und Techno sind "Bedroom Recordings" inzwischen nahezu der Standard und sogar bei einigen Madonna-Alben sollen die Backing Tracks in den Heimstudios ihrer Produzenten entstanden sein.

Die "Abers" folgen gleich auf dem Fuß, und es sind leider eine ganze Menge...Die meisten davon können auch im Heimstudio ausgeglichen werden, doch dazu bedarf es einiger Sorgfalt, Erfahrung und meistens auch etwas zusätzlichen Equipments, das über die reine "Grundausstattung" mit einem Computerprogramm zur Musikbearbeitung hinaus geht.

Abhörsituation

Die ersten Probleme beginnen häufig beim Abhören der eigenen Aufnahmen, denn dann spielen die Raumakustik und die Wahl der Abhörlautsprecher doch eine Rolle. Was sich in dem Raum gut anhört, in dem es aufgenommen wurde, klingt davon noch lange nicht in allen anderen Räumen gut, aber darauf kommt es unter anderem an, wenn eine Aufnahme als professionell angesehen werden soll. Ich persönlich kenne keinen Heimstudio-Produzenten, der anfänglich nicht überrascht, wenn nicht gar entsetzt war, als er seine "Meisterwerke" zum ersten Mal auf einer "richtigen" Stereoanlage gehört hat...

Lautsprecher

Die meisten Multimedia-Lautsprecher-Systeme für den Einsatz mit Computern, seien es ein Paar Stereo-Lautsprecher, ein Setup mit Subwoofer oder ein Surround-System, eignen sich nicht zum beurteilungsfähigen Abhören von Musikaufnahmen, da sie im Frequenzbereich häufig eingeschränkt sind und "färben". Besser sind spezielle Nahfeld-Monitore, die man in Musikfachgeschäften findet, die durch ihren linearen Frequenzgang für das Abhören von Musikabmischungen besonders geeignet sind. Fast genauso wichtig wie die Beschaffenheit der Lautsprecher ist ihre Aufstellung. Entscheidend ist, dass die Boxen und der Kopf des Hörers in gleicher Höhe ein gleichseitiges Dreieck mit etwa 1,5 m Seitenlänge bilden. Bei sogenannten Bassreflexboxen, deren Schallloch nach hinten weist, ist zudem darauf zu achten, dass zwischen Box und rückseitiger Wand mindestens 20 cm Abstand liegen.

Raumakustik

Die meisten privat genutzten Räume sind akustisch nicht optimal, da einige Frequenzen "geschluckt" und andere verstärkt werden. Der Musikfachhandel bietet dazu diffundierende und absorbierende Wand- und Deckenpanelen an, die aber von Fachleuten montiert werden sollten, damit sie auch das bewirken, was sie bewirken sollen. Wenn eine solche Umgestaltung des Raums nicht möglich ist, helfen auch Bücherregale an der Wand, ein Teppich auf dem Boden und ein Sofa im Rücken des Bearbeiters (am besten an der rückseitigen Wand des Setups), das die schlimmsten Verirrungen im Bassbereich "einfängt". Wenn möglich, sollten die Boxen über das oben gesagte hinaus so aufgestellt werden, dass sie an allen Seiten einen gewissen Abstand zu reflektierenden Flächen wie Mischpult, Schreibtischoberfläche oder Seitenwand haben, um die sogenannten "frühen Reflektionen" zu minimieren, die sich sonst in das akustische Gesamtbild mischen und ein beurteilungsfähiges Hören erschweren.

Verzerrungen

Bekannt ist, dass zu Zeiten ausschließlich analoger Musikbearbeitung Verzerrungen keine so schwerwiegende Rolle gespielt haben, weil sie, solange es damit nicht übertrieben wurde, der Musik "Charakter" und "Wärme" gegeben haben. Ebenfalls bekannt sind harte digitale Verzerrungen, die durch ein unangenehmes Knacken gekennzeichnet sind. Problematisch ist im Zeitalter überwiegend digitaler Musikbearbeitungen der "Zwischenbereich", wenn zum Beispiel einzelne Spuren einer Abmischung in den "roten Bereich" geraten, dies "aber" insbesondere bei Zimmerlautstärke oder nur knapp darüber - zunächst gar nicht so sehr auffällt. Spätestens wenn es darum gehen soll, ein Musikstück für eine professionellen Ansprüchen genügende CD-Veröffentlichung endzubearbeiten, fallen sie dann doch auf und sind häufig nicht mehr zu korrigieren. Daher gilt auch für Heimstudio-Produktionen der alte Lehrsatz erfahrener Tonmeister: "Goldene Regel: Saubere Pegel!"

Abmischung

Der große Vorteil digitaler Musikprogramme liegt darin, dass sie Funktionen, die es bis vor noch nicht allzu langer Zeit nur in großen und teuren Studios gab, auf nahezu jeden Heimcomputer bringen. Der Nachteil liegt darin, dass diese erst erlernt werden müssen. Ein Musikstück aus 32 Einzelspuren sachgerecht abzumischen, fällt niemandem in den Schoß. Durch Selbststudium und Ausprobieren kann man sich vieles aneignen, aber ähnlich wie beim Erlernen eines Instruments kann der Punkt kommen, ab dem man ohne fremde Hilfe nur noch "mutiger", aber nicht mehr wirklich besser wird. Als Tipp kann hier dienen, dass man zunächst mit "kleinem Besteck" anfängt, zum Beispiel erst mal nur acht Spuren abmischt, obwohl das Programm 64 Spuren zulässt. Steigern kann man sich später immer noch und seit Anbeginn der modernen Musikaufzeichnung war es noch nie die Anzahl physikalischer Spuren, die über die Qualität einer Produktion entschieden hat ("Sgt. Pepper" der Beatles wurde mit vier Spuren aufgenommen, die "Pet Sounds" der Beach Boys nur mit drei).

Effekte

Fast alle Musikbearbeitungsprogramme haben eine Vielzahl Effekte, die die analogen Effekte "großer Studios" digital nachahmen. Dies tun sie mehr oder weniger gut. Im Heimstudio verführen sie häufig dazu, Mängel auszugleichen, die durch falsche oder ungünstig aufgestellte Boxen, eine problematische Raumakustik, "heiße" Pegel oder eine unausgewogene Abmischung entstanden sind. Ursprünglich als Hilfen zur Klangbearbeitung in akustisch kontrollierten Umgebungen gedacht, können sie im Heimstudio bei unsachgemäß "korrigierendem" Einsatz alle beschriebenen Probleme noch verstärken. Als Tipp kann auch hier der zumindest anfänglich zurückhaltende Gebrauch empfohlen werden. Ein Musikstück oder auch eine Einzelspur, die eine starke Effektbearbeitung benötigen, um einigermaßen akzeptabel zu klingen, wurden falsch abgemischt beziehungsweise aufgenommen. Effekte, die als solche hörbar sind, sind in der Regel übertrieben eingesetzt wer will schon ein ganzes Album lang einer verhallten Stimme zuhören?

Mastering

Wenn sich irgendwann im Laufe einer Heimstudioproduktion herausstellt, dass sich, egal was man noch macht, nun wirklich nicht der Klangeindruck einer kommerziell verkäuflichen CD einstellt, fällt manchem das Mastering als "Ausweg" ein. Einige Mastering-Studios verstärken dies in ihren Werbeaussagen noch dadurch, dass sie suggerieren, sie könnten aus jeder Heimstudioaufnahme einen "Hit" machen. Das können sie natürlich nicht, und irgendwo im "Kleingedruckten" kommt dann auch der Hinweis, dass manche Fehler beim Aufnehmen und Abmischen durch Mastering nicht nur nicht korrigiert werden können, sondern sogar noch deutlicher heraustreten. Ein seriöses Mastering-Studio wird dies klar ansprechen, bevor es einen Auftrag annimmt, die Fehler benennen, eine Überarbeitung der Aufnahmen empfehlen oder die Grenzen zu einer vollprofessionellen Edelproduktion aufzeigen, die auch dann noch bestehen bleiben, wenn die Musik sachgerecht nachbearbeitet wurde.

Doch zu viele "Abers"?

Die Antwort auch hier wieder: "Ja, aber". Professionelle Musikproduktionen in Heimstudios sind möglich, wenn man mit einer professionellen Attitüde daran geht, aber es kann Jahre dauern, bis man so weit ist. Die Frage ist dabei allerdings, wie "professionell" es tatsächlich sein muss. Ein Streicher-Quartett aus Musikstudenten und -absolventen, das in der Vorweihnachtszeit beispielsweise in Altenheimen auftritt, wird es vermutlich nie in die Carnegie Hall schaffen und niemand, auch die Musiker selbst nicht, stört sich daran. Bei manchen Heimstudioproduzenten liegen die Ziele allerdings jenseits dessen, was man als "gesunden Ehrgeiz" bezeichnen kann. Mit Dollarzeichen in den Augen wird eine Musikbearbeitungssoftware für ein paar Euro gekauft oder als kostenlose Beta-Version heruntergeladen, mit der Erwartung, es damit im internationalen Musikgeschäft zu schaffen - drei Stücke bei MySpace eingestellt und dort als Label "Major" eingetragen. Das geht in der Regel schief. Empfehlenswerter ist es, zunächst eine gewisse Professionalität ohne unmittelbare kommerzielle Verwertungsabsicht zu erlangen. Wie im Sport, in der Literatur oder in der Bildenden Kunst ist es möglich, dass man auch nach langen hingebungsvollen Jahren ein talentierter oder hochbegabter "Amateur" bleibt. Aber ist das schlimm? Nein, und vor allem weniger schlimm als falsche Professionalitätsversprechen. Manchen ist es gelungen, mit Musik aus ihrem Heimstudio in die Charts zu kommen, vielen anderen nicht. Es geht, aber es ist nicht garantiert.
Frank Gingeleit

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